Besseres Golf ist eine Frage der Einstellung
4.11.09 15:31

VON: KATJA FLIEGER
Frau Katja Flieger im Gespräch mit Dr. Dirk Leutloff, Oberarzt der Orthopädie und verantwortlicher Arzt der Golf-Clinic Therapieabteilung Asklepios Klinikum Birkenwerder.
Herr Dr. Leutloff, hat sich Golf in den letzten Jahren verändert?
Dirk Leutloff: Golf ist von einem Elitesport zu einem Volkssport geworden, schon fast wie Fußball oder Handball – mittlerweile bieten ja auch Schulen das Erlernen des Golfsports im Unterricht an. Trotzdem wird Golf von den Golfern viel zu selten wie ein Sport behandelt. Das geht mit dem Aufwärmen los – meist geben die Pro`s dazu keine Anleitung und die Golfer kommen nicht von selbst darauf. Auch über die Art des Trainings muss man nachdenken: Wo übt man Skifahren? Auf dem Hang. Wo Fußball? Auf dem Fußballplatz. Ausgerechnet Golf üben die Meisten primär auf der Driving Range – das Training sollte aber unbedingt auch auf dem Platz stattfinden. Schließlich kommt es beim Golfsport, wie bei jeder anderen Sportart auch, viel auf das Umfeld an, damit meine ich beispielsweise auch die richtige Ernährung. Das ist für Amateure und Hobbyspieler weniger wichtig als für Profis, hat aber natürlich auch im Amateurbereich Einfluss.
Ist es wirklich ein Problem, wenn man Golf nicht als Sportart sieht?
DL: Problem ist vielleicht nicht das richtige Wort. Sicher ist aber, dass man auf längere Sicht unter seinem eigentlichen Potenzial bleiben wird. Weder die Schwungtechnik, noch die Konzentration oder Kondition erreichen ihr Optimum. Das heißt, man wird nicht so viele Jahre problemlos und beschwerdefrei Spaß haben, wie man könnte oder möchte.
Kommt es beim Golf häufig zu Verletzungen?
DL: Schwere Verletzungen kommen nur vereinzelt vor und sind eher nicht durch den Sportler selbst bedingt – dass man beispielsweise einen Ball abbekommt, ist ja selten. In den USA kommt es aber immerhin zu rund 5000 Fällen von Verletzungen durch Blitzschlag pro Jahr. Was Beschwerden und Schmerzen angeht, sind bei Golfsportlern generell Wirbelsäulenprobleme die Nummer Eins. Ursachen sind bei Amateuren eine falsche Körperhaltung und schlechte Schwungtechnik. Bei den Profis steht eher die Dauerbelastung bei gleichzeitiger Hypermobilität im Vordergrund. Kein Wunder, denn wer golft, durchläuft einen der kompliziertesten Bewegungsabläufe aller Sportarten, von den Fingern bis in die Zehen. Weitere Schwachstellen sind dann bei Rechtshändern die linke Schulter und der linke Ellebogen.
Sind solche Gelenk- und Wirbelsäulenbeschwerden nicht auch altersbedingt?
DL: Zum Teil, aber nicht nur. Fast jeder über 40 Jahren hat bereits degenerative Schäden. Wenn Sie bei zehn Personen über 50 eine Magnetresonanztomographie durchführen, werden Sie bei den meisten einen nachweisbaren Schaden an Knochen, Gelenken oder Bandscheiben finden – aber nur zwei von zehn haben Schmerzen, auch wenn fast jeder diese Schäden aufweist. Schlechte Golftechnik macht aber schlimmer, was vorher schon an Schmerzen da ist. Wer zu uns in die Klinik zum Golf Check-Up kommt, hat für gewöhnlich erkannt, dass der Schmerz sein Spiel beeinträchtigt. Die Masse nimmt allerdings eher eine Pille und legt trotz der Schmerzen los. Schmerzmittel reparieren das Symptom – aber um die Ursache zu packen, müssen Golfer bewusst aktiv werden. Das ist eine Frage der Einstellung.
Kann man Schmerzen und Verletzungen beim Golf vorbeugen?
DL: Auf jeden Fall. Ich persönlich wärme mich mit ein paar Grundübungen konsequent fünf bis zehn Minuten auf, bevor ich einen Ball schlage. Wenn ich das nicht mache, habe ich hinterher keinen Spaß bei der Sache. Bewiesen ist auch, dass die Verletzungshäufigkeit signifikant sinkt, wenn man sich mindestens zehn Minuten vor dem Spielen aufwärmt. Das ist also ein sinnvolles und vor allem gut machbares Vorgehen. Vor allem wenn man bedenkt, dass eine durchschnittliche 18-Loch-Golfrunde etwa vier Stunden dauert, sollte dieser minimale zeitliche Aufwand drin sein. Bei dem Check-Up in unserer Klinik lernen Interessierte dafür individuelle Übungen.
Wenn Beschwerden akut auftreten, wie behandeln Sie dann?
DL: Die Therapie ist funktionell, beim Golfer wie beim Nicht-Golfer. Das heißt die Tendenz geht auf jeden Fall weg von den passiven Maßnahmen und hin zum aktiven, eigenverantwortlichen Üben. Damit ist zum Beispiel ein aktives Programm gegen Rückenschmerzen und die Stärkung der Wirbelsäulenstatik gemeint. Wichtigste Muskeln zu Stabilisierung des Rückens sind die Bauchmuskeln – sie entlasten die Wirbelsäule. Das Wie lernen die Patienten bei uns. Aber wir können nur die Tür öffnen, durchgehen sein Problem aktiv anpacken muss jeder selbst. Wir verwenden im Rahmen der Diagnostik zum Beispiel Balance-Platten, um das Gleichgewicht zu üben. Diese Trainingsform ist selbst für Fortgeschrittene gut geeignet. Ein zweites Beispiel ist die Biofeedbackmessung: Dabei messen wir muskuläre Spannungsbereiche mittels Oberflächen-EMG, die sich vom Patienten sonst nicht unmittelbar wahrnehmen lassen. Auf einem Bildschirm kann er die Spannungszustände sofort visualisieren und per direkter Übungsanleitung eine unmittelbare Verringerung seiner Muskelverspannung und damit Beschwerden aktiv einleiten. Lediglich ergänzend nutzen wir natürlich auch passive Therapieformen, wie Strom, Wärme oder Massage.
Kommen nur altgediente Golfer zum Check-Up?
DL: Nein, es kommen auch Personen, die gern Golf spielen möchten, aber bereits gesundheitliche Probleme haben. Dann geht es für uns darum, wie wir ihnen beim Einstieg in die Sportart helfen können. Oder Golfer, die schon eine Zeitlang spielen, kommen zu uns mit Beschwerden, deren Ursache sie nicht finden. Handgelenksschmerzen können zum Beispiel daran liegen, das der Griff zu klein ist – dann braucht man einen dickeren Griff, vielleicht aber auch einen weicheren Griff. Auch in solchen Fällen beraten wir. Und wir erklären Grenzen: Wenn jemand aus einem medizinischen Grund nicht lehrbuchreif schwingen kann, sagen wir das deutlich – dann muss er diese Tatsache hinnehmen und darf sich nicht pushen. Oder wir sehen zum Beispiel Golfer, die gerade eine Hüftprothese bekommen haben – ihnen erklären wir, dass sie ab jetzt offener stehen müssen, weil sie sonst nicht schwingen können.
Sind sie manchmal überrascht, mit welchen Problemen Golfer zu ihnen kommen?
DL: Selten, aber ab und zu doch. Wir hatten einen Golf-Einsteiger mit Handicap 45, der Schläger mit einem steifen Stahlschaft spielte, weil die ihm sein Pro als besonders empfehlenswert verkauft hatte. Der Spieler hatte jedoch regelmäßig Probleme mit Schulter und Wirbelsäule, aber auch mit dem Ellenbogen, wenn er in den Rasen gehackt hat – da hätte ein regulärer Graphitschläger Schlimmeres verhindert. In dem Fall war unser klarer Ratschlag, den Schläger zu wechseln und möglicherweise in diesem Einzelfall auch den Pro, da hier anscheinend nichtgolferische Gründe im Vordergrund der Empfehlung standen.
Meist verhält es sich aber umgekehrt: Viele Spieler kaufen neue Driver, neue Schuhe – alles Dinge, die viel kosten. Sie machen aber zu wenig für ihren Körper – an der Stelle setzen wir an. Die Grundfrage ist schließlich, wie man es am besten schafft, beim Golf schmerzfrei Spaß zu haben, egal in welcher Spielstärke. Darum geht es uns vor allem.
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